Fragen an den Nuntius

Sehr geehrter Herr Nuntius,

mit zwei Fragen möchte ich mich an Sie wenden. Um den Hintergrund deutlich zu machen, gestatten Sie mir bitte, zunächst einige Fakten aufzuführen, die auch Ihnen wahrscheinlich nicht unbekannt sind:

  • In der „Süddeutschen Zeitung“ war zu lesen[1]:

So wollen sie [„Münchner Kreis“, ein Zusammenschluss kritischer katholischer Priester und Diakone aus dem Erzbistum] unter anderem geschiedenen Wiederverheirateten und „Mitglieder anderer christlicher Kirchen“ die Eucharistie nicht mehr verweigern, Laien im Gottesdienst predigen lassen und sich zudem dafür einsetzen, dass Frauen zum Amt des Diakons und zum Priesteramt zuzulassen. (Anm.: Die Grammatikfehler stammen aus dem Original)

  • Der „Münchener Merkur“ schrieb u. a. folgendes über einen Pfarrer der Erzdiözese[2]:

Und ob einer katholisch getauft ist oder nicht, interessiert Schießler nicht, wenn er die heilige Kommunion austeilt. (…) Er sagt: „Gott ist kein Korinthenkacker, der zählt, wie oft einer in die Kirche geht“ oder „Es gibt nur eine Sünde: die des ungelebten Lebens.“ (…) Für all das liebt ihn seine Gemeinde im Glockenbachviertel, die Leute spenden nach seinen Predigten Applaus.

 Für uns Pries­ter und Dia­kone wird es beson­ders schwie­rig, wenn wir Text­for­mu­lie­run­gen benut­zen sol­len, hin­ter denen wir nur schwer ste­hen kön­nen, weil sie auf­grund ihrer theo­lo­gi­schen For­mu­lie­run­gen miss­ver­stan­den und damit falsch inter­pre­tiert wer­den kön­nen (z. B. „Opfer­spra­che“). Wir kön­nen nur das glaub­wür­dig wei­ter­ge­ben, was wir selbst glauben. (…) Wir befürch­ten ansons­ten eine Spal­tung inner­halb der Pries­ter­schaft zwi­schen denen, die auf­grund ihrer Gewis­sens­ent­schei­dung zu ande­ren Tex­ten grei­fen und denen, die die vor­ge­schrie­be­nen Texte ver­wen­den — sei es gegen ihre Über­zeu­gung oder auch nicht.

Diese drei Beispiele mögen genügen. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Bei der reformfreudigen Avantgarde handelt es sich zum großen Teil um Priester und Diakone. Sie alle haben bei ihrer Weihe ein Treueversprechen abgelegt. Die Lehre der Kirche war zur Zeit ihres Versprechens keine andere als heute. Also brechen sie ihr Versprechen. Als Entschuldigung führen sie dann stets ihr „Gewissen“ an. Es wäre interessant zu erfahren, wie ein reformfreudiger Geistlicher und auch die Öffentlichkeit reagieren würden, wenn einmal ein Bischof seinem „Gewissen“ folgt, den priesterlichen Gehorsam anmahnt, und, wenn die Mahnung ungehört verhallt, eine Suspendierung ausspricht.

Nun zu meinen Fragen:

1. Wie ist es möglich, dass sich, zumindest im deutschsprachigen Raum, ein von der Kirche unabhängiges Lehramt entwickeln konnte?

Die Gläubigen werden ständig mit Aussagen konfrontiert, die der Lehre der Kirche widersprechen. Da diese Äußerungen auch von Priestern kommen, die ja im Auftrag ihres Bischofs sprechen, muss der Hörer daraus doch schließen, dass es in der Kirche eben verschiedene, sich widersprechende Lehrämter und Lehren gibt. Und so wird es auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen. In der „Augsburger Allgemeinen“ konnte man unter der Überschrift „So baut der Papst die Kirche um“ u. a. folgendes lesen[4]:

Franziskus’ Idealkirche wird nicht von Rom aus beherrscht, ja nicht einmal vom Papst – sie ist ein großes Ganzes aus vielen, möglichst selbstständigen Teilen.

2. Wie soll man es sich erklären, dass Priester, die ständig gegen die Lehre der Kirche opponieren, ungehindert im Namen eben dieser Kirche ihre Lehren verbreiten dürfen, dass andererseits der Piusbruderschaft, die an allen Lehren und Geboten der Kirche trotz großen Widerstands unerschütterlich festhält, ein Platz in der Kirche verweigert wird?

Damit kein Missverständnis entsteht: Ich gehöre nicht zur Piusbruderschaft und feiere zudem die hl. Messe in der „forma ordinaria“ mit. Ich bekomme nur die oben angesprochenen Widersprüche nicht in einen logischen Zusammenhang. Da sind auf der einen Seite die „Reformer“, die ständig das Konzil im Munde führen und seit einiger Zeit auch den Papst für ihre Ziele einspannen, die aber, etwas überspitzt formuliert, „im Auftrag der Kirche“ gegen die Lehren dieser Kirche kämpfen. Da sind auf der anderen Seite die Piusbrüder mit ihrer Anhängerschaft, die dem Konzil kritisch gegenüberstehen, aber die Lehre der Kirche uneingeschränkt bejahen.

Um einem weiteren Missverständnis vorzubeugen: Es geht mir nicht um persönliche Angriffe gegen die „Reform- und Aufbruchpriester“.  Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung. Wenn ein Priester allerdings die Lehre der katholischen Kirche nicht mehr mittragen kann, dann sollte er in dieser Kirche auch nicht mehr das Amt der Verkündigung ausüben dürfen. Es mag sogar sein, dass ein reformbegeisterter Priester in gutem Glauben handelt. Das kann aber nicht bedeuten, dass der zuständige Bischof ihn einfach gewähren lassen darf. Wenn ein geschulter Sanitäter feststellen muss, dass jemand bei einem Unfall Erste Hilfe leistet, aber dabei ist, den Verletzten umzubringen, dann muss diesem Helfer trotz seiner guten Absicht sein Tun verboten werden. Gute Absichten sind keine Legitimation für falsches Handeln.

Sehr geehrter Herr Nuntius, vielleicht finden Sie die Zeit für ein paar klärende Worte zu meinen Fragen.

Mit freundlichen Grüßen


[1] Ausgabe vom 5.12.2013

[2] Onlineausgabe vom 14.10.2011

[4] Ausgabe vom 4.12.2013

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