Unter der Lupe 7: Der Glaubenssinn der Gläubigen

Wie man auf katholisch.de lesen konnte, befürchtet der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) eine zunehmende Polarisierung zwischen dem Lehramt und dem „Glaubenssinn der Gläubigen“. Und der Dogmatikprofessor Stubenrauch meint, wer den Glaubenssinn der Getauften „auf bloßen passiven Gehorsam gegenüber amtlichen Verlautbarungen reduziert, missachtet die geistliche Kompetenz des Gottesvolkes“.

Bei diesen Äußerungen scheint es sich um Nebelkerzen zu handeln, oder, um es deutlicher zu sagen, man vertraut auf die durch die Massenmedien bereits zur Kritikunfähigkeit verblödeten Zeitgenossen. Was soll denn mit dem „Glaubenssinn der Gläubigen“ gemeint sein? Nur noch 10 % der Katholiken besuchen regelmäßig die Sonntagsmesse. Man darf doch wohl zu Recht annehmen, dass die 90 % Nichtkirchgänger wohl kaum ein regelmäßiges Gebetsleben führen, in der Heiligen Schrift lesen, regelmäßig beichten und ihre Kinder im katholischen Glauben erziehen. Und bei einer Umfrage der „Bertelsmann-Stiftung“ erwies sich sogar, dass nur 16,2 % der westdeutschen Katholiken an den allmächtigen Gott als ein personales Gegenüber glauben; alle andern Katholiken setzen Gott gleich mit einer Vorsehung ohne Gesicht, mit dem anonymen Schicksal, mit einer Urkraft. Oder sie leugnen ihn schlicht. Soll die Kirche ihre Lehre nach dem „Unglaubenssinn“ dieser Katholiken ausrichten?

Und welchen „Glaubenssinn“ hat Kardinal Marx, wenn man über einen seiner Pfarrer in der Zeitung folgendes lesen kann: Und ob einer katholisch getauft ist oder nicht, interessiert Schießler nicht, wenn er die heilige Kommunion austeilt. (…) Er sagt: „Gott ist kein Korinthenkacker, der zählt, wie oft einer in die Kirche geht“ oder „Es gibt nur eine Sünde: die des ungelebten Lebens.“ (…)

Auf einen vertieften Glaubenssinn weist auch die folgende Empfehlung zur christlichen Lebensgestaltung hin. Sie wird durch den BdkJ im Auftrag der deutschen Bischöfe vermittelt: „Sex als einvernehmliche Entscheidungen und Handlungen zweier selbstbestimmter Menschen kann die Menschenwürde nicht verletzen. Sex ist so natürlich wie atmen oder essen, und es gibt keinen Unterschied zwischen Sex vor, während und nach der Ehe. Sex ist Sex – und das Verbot vorehelichen Sex‘ ist viel eher ein „schwerer Verstoß gegen die Würde des Menschen“.

Deutlich sind auch die folgenden Hinweise, mit denen die Bischöfe durch die KJG den jungen Katholiken große Freude bereiten: Sexuelle Selbstbestimmung bedeutet zum einen, seine sexuelle Orientierung (das heißt die Frage, ob ich hetero-, homo- oder bisexuell leben möchte) auszuleben, aber auch die eigene Geschlechtsidentität (das heißt, ob ich als Mann, Frau, Transgender oder Intersexueller leben möchte) frei zu wählen. Außerdem gehört zu diesem Recht die freie Wahl der SexualpartnerInnen, die eigene Entscheidung für Sexualpraktiken und die Wahl, welche Art von sexueller Beziehung jemand führen möchte (das heißt, ob sie/er monogam, polygam, zölibatär etc. leben möchte)

Mit »sexueller Selbstbestimmung« und der »Freiheit, über den eigenen Körper entscheiden zu können« ist aber noch mehr gemeint: Nämlich, dass Jugendliche kostenfreien und sicheren Zugang zu sexueller und reproduktiver Gesundheitsversorgung haben müssen, was konkret bedeutet, Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, eine Schwangerschaft abzubrechen und kostenlos Verhütungsmittel zu erhalten, denn nur so kann die beschriebene Freiheit auch gelebt werden.­­­­

„Das Heidentum sitzt heute in der Kirche selbst, und gerade das ist das Kennzeichnende sowohl der Kirche unserer Tage wie auch des neuen Heidentums, dass es sich um ein Heidentum in der Kirche handelt und um eine Kirche, in deren Herzen das Heidentum lebt… Fast niemand glaubt so recht, dass an dieser sehr zufällig kulturpolitischen Vorgegebenheit „Kirche“ etwa das ewige Heil hängen kann.“ Diese Worte stammen aus dem Jahr 1958 vom damaligen Theologen Joseph Ratzinger.

Was aber ist dieser „Glaubenssinn der Gläubigen“? Im Juni 2014 hat die Theologische Kommission des Heiligen Stuhls zur Klärung dieser Frage ein Dokument herausgegeben. Darin wird gesagt, dass niemand den „Sensus fidei“ beanspruchen kann, wenn er nicht konform ist mit dem Glaubenssinn der Gesamtkirche. Hier also liegt das Kriterium dafür, ob eine Glaubensaussage oder –praxis tatsächlich geistgewirkt ist und von Gott herkommt. Wichtig für die Geistbegabtheit ist aber die Teilhabe des Einzelnen am Leben der Kirche, insbesondere die Mitfeier der Eucharistie. Im Grunde wird also jemand, der selten oder nie die Kirche von innen gesehen hat, auch der, der eben nicht die Eucharistiefeier besucht oder auch das Sakrament der Beicht empfängt, der sich darüber hinaus keine Zeit zum persönlichen Gebet nimmt und nie in der Heilige Schrift liest, und der sich schließlich für die Dogmen der Kirche nicht interessiert, kaum geistbegabt sein können.

Und eben zu dieser Gruppe gehört heute die Mehrzahl der Katholiken. Es ist somit einfach verlogen, die Menschen glauben zu lassen, man könne den sog. „Glaubenssinn der Gläubigen“ der kirchlichen Lehre als Korrekturfaktor zuordnen.

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