Eine Kluft zwischen Kirche und Gläubigen?

„Tiefe Kluft zwischen Kirche und Gläubigen“ lautet der Titel eines Presseberichtes (Augsburger Allgemeine Zeitung, AZ, 21.04.15), in dem die zweite „Familienumfrage“ des Vatikans vor der Synode der Bischöfe im Oktober 2015 in Rom kommentiert wurde. Der Untertitel dieses Pressebeitrages lautete „Reformdruck auf Bischöfe wächst“. Weiter heißt es im besagten Artikel:

„Vor allem der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, die von der Kommunion ausgeschlossen sind, hat sich für die Kirche zum ernsthaften Problem entwickelt. Die Rufe nach einer Reform werden lauter. Die deutschen Bischöfe haben das erkannt. Auf Seite 14 des achtzehn Seiten umfassenden Papiers stellen sie fest: ‚Es kann kein Zweifel bestehen, dass hier eine Schlüsselstelle für die Glaubwürdigkeit der Kirche bestehen bleibt‘“.

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist sehr bedauerlich, dass Sie sich als große Zeitung keine differenziert denkenden Mitarbeiter in der Kirchenredaktion leisten können. Schon der Titel „Kluft zwischen Kirche und Gläubigen“ verrät eine eingleisige Denkweise, indem der Begriff „Gläubige“ unreflektiert benutzt wird. Auch ein noch so dürftig informierter Autor dürfte wissen, dass nur noch ca. 10 % der Katholiken die Sonntagsmesse regelmäßig besuchen. Man darf doch zu Recht annehmen, dass die 90 % Nichtkirchgänger wohl kaum ein regelmäßiges Gebetsleben führen, in der Heiligen Schrift lesen, regelmäßig beichten und ihre Kinder im katholischen Glauben erziehen. Und bei einer Umfrage der „Bertelsmann-Stiftung“ erwies sich sogar, dass nur 16,2 % der westdeutschen Katholiken an den allmächtigen Gott als ein personales Gegenüber glauben; alle andern Katholiken setzen Gott gleich mit einer Vorsehung ohne Gesicht, mit dem anonymen Schicksal, mit einer Urkraft. Oder sie leugnen ihn schlicht. Der Begriff „Gläubige“ in Ihrem Artikel ist also nichts sagend.

Zu Ihrer Information: Der Glaube der katholischen Kirche ist ganzheitlich. Wer sich – ähnlich wie im Warenhaus – die Angebote heraussucht, die ihm gerade gelegen kommen, kann sich nicht als wirklich Gläubiger bezeichnen. Es gibt sie tatsächlich noch, die im Vollsinn Gläubigen, aber zwischen denen und der Lehre der Kirche besteht eben gerade keine Kluft.

Weiter heißt es in Ihrem Artikel: „Vor allem der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, die von der Kommunion ausgeschlossen sind, hat sich für die Kirche zum ernsthaften Problem entwickelt.“ Wie oben dargelegt, ist der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen für gläubige Katholiken kein Problem. Warum fordert man in reformfreudigen Gruppierungen überhaupt eine Änderung der kirchlichen Lehre? Priester und Diakone des Erzbistums Freiburg haben öffentlich erklärt: „In unse­ren Gemein­den gehen wie­der­ver­hei­ra­tet Geschie­dene mit unse­rem Ein­ver­ständ­nis zur Kom­mu­nion.“ Warum also überhaupt eine Änderung, wenn man sich sowieso nicht an die Lehre der Kirche hält? Das wäre eine Frage, die sich ein qualifizierter Autor einmal stellen sollten.

Ist es zuviel verlangt, wenn man von einem kompetenten Autor vielleicht erwarten dürfte, dass er einmal einen Blick auf die evangelische Kirche wirft? Diese kennt doch nur noch das Gebot der Mülltrennung, das Wort Gottes und seine Gebote aber hat sie längst entsorgt. Frauenordination, Scheidung, Abtreibung, Homoehe – alles ok! Vielleicht könnte sich Ihr Autor einmal Gedanken darüber machen, warum die evangelische Kirche nicht „boomt“. Interessant wäre es auch, einmal die Frage zu untersuchen, warum die Katholiken, durch die Ihrem Untertitel zufolge der „Reformdruck auf Bischöfe wächst“, nicht zur evangelischen Kirche wechseln, da doch dort all Ihre Wünsche bereits erfüllt sind.

Und die „Glaubwürdigkeit der Kirche“ hängt allein davon ab, ob sie bereit ist, sich dem Diktat einer dekadenten Gesellschaft entgegenzustellen. Passt sie sich an, verliert sie ihre Glaubwürdigkeit, verkündet sie ihre Botschaft, sei es „gelegen oder ungelegen“, wird sie auch in Europa eine Zukunft haben.

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